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BIOHACKERS

Biohacking: Darf der Mensch alles, was er kann?

Eine neue Netflix-Produktion greift ein Thema auf, das noch keine Serie je verhandelt hat: Biohacking. Also das gezielte Verändern des eigenen Körpers und sogar des eigenen Genoms. Die Science Fiction Serie zeigt, was heute schon möglich ist und stellt die Frage nach der moralischen Verpflichtung der Medizin.

Ole hat sich in die Brust geschnitten. Unterhalb der rechten Brustwarze klafft ein tiefer Spalt. Mit einem Spreizer hält er selbst die Wunde offen, während er langsam einen Chip einführt. Blut an den Gummihandschuhen. Entspannung auf Oles Gesicht.

Ole hat sich nicht verletzt, zumindest nicht unabsichtlich. Ole operiert an sich selbst. Er ist ein Bodyhacker. Ein Mensch, der versucht, seinen Körper mittels technischer Hilfsmittel zu optimieren. Das Implantat, der Chip, wird ihm in Zukunft dabei helfen, Geräte zu steuern.

Ole ist nicht real, er ist eine Figur der neuen Serie “Biohackers”, die ab dem 20. August auf Netflix zu sehen sein wird. Das was er aber mit seinem Körper macht, das ist schon heute möglich. Und es gibt Menschen, die sich so verändern, die die Verschmelzung von Mensch und Maschine vorantreiben wollen.

Bodyhackers nennen sie sich und sie haben sich dem Transhumanismus verschrieben. Sie wollen die Grenzen dessen ausloten und überschreiten, was ein Mensch sein kann. Sie wollen ihre Körper verändern, sich mit Maschinen verbinden, quasi Cyborgs werden. Manche setzen sich sogenannte Near-Field-Communication-Chips (NFC-Chips) ein, mit denen sie Türen öffnen oder Rechnungen zahlen können. Andere implantieren sich Magneten, um Metall an sich haften zu lassen, stimulieren mit elektrischen Signalen ihre Sinne oder nutzen spezielle Augentropfen, um im Dunklen wie ein Tier sehen zu können. Es geht ihnen um die Sinneserweiterung, die Ausweitung der menschlichen Erfahrung.

Biohackers gehen noch einen Schritt weiter. Sie wollen ihre Zellen verändern, ja sogar ihr Genom, um so ihren Körper mit wünschenswerten Eigenschaften auszustatten oder bestimmte Allergien oder Krankheiten loszuwerden. Dafür nutzen sie die sogenannte CRISPR/Cas-Technik. Eine Methode, bei der mit einer Art Gen-Schere bestimmte Basen-Sequenzen aus der eigenen DNA herausgetrennt und durch andere – etwa tierische DNA-Sequenzen – ersetzt werden können.

So wollen manche Biohacker etwa das eigene Muskelwachstum anregen oder ihre Farbenblindheit ausmerzen. Sie experimentieren auch mit Pflanzen und Tieren: Dann können Mäuse plötzlich im Dunkeln leuchten oder Sukkulenten bei Berührung Töne von sich geben. All das klingt phantastisch, wird heute aber bereits durchgeführt und ist vermutlich in naher Zukunft nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken.

In der Hand erfahrener Mediziner und Wissenschaftler ist diese Genom-Editierung vielleicht noch in Ordnung – zu Forschungszwecken. In den Händen selbst berufener Biohacker, die sich die Gen-Schere in ihren Küchen oder Hobby-Kellern zusammenmischen, ist diese Technik aber schon kritisch zu sehen. Und gerade diese Menschen haben sich zu einer regelrechten Community zusammengeschlossen – insbesondere in den USA. Ohne Aufsicht und ohne Ethikkomission.

“Es gibt selbsternannte Biohacker, die die Gen-Schere in ihrer Garage herstellen und sich das dann selbst injizieren, in der Hoffnung auf verstärktes Muskelwachstum zum Beispiel”, weiß Dr. Ole Pless, Molekularbiologe am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie, der auch die Macher der Netflix-Serie Biohackers akademisch beraten hat. “Davor kann man nur dringend warnen. Selbst wenn es funktionieren würde, es ist wahnsinnig gefährlich. Einer der Akteure ist schon daran gestorben.”

Die große Frage, die sich jetzt stellt, liegt auf der Hand: Dürfen die das?! Ist es ethisch vertretbar, mit dem Genom von Mensch und Tier zu experimentieren? Wissen wir wirklich schon genug über die Funktionsweise einzelner Gene in unserem genetischen Code, um wirklich gezielte Veränderungen vornehmen zu können? Ist die Gefahr nicht viel zu groß, sich selbst zu schaden und – noch schlimmer – die menschliche DNA irreversibel zu verändern? Insbesondere dann, wenn man nicht wirklich Ahnung davon haben kann, was passiert? Öffnen wir mit genetischer Modifizierung nicht eine Büchse der Pandora, die wir dann nicht mehr zu schließen in der Lage sind?

Dr. Ole Pless sieht große Chancen in der Genom-Editierung bei kranken Menschen, aber auch die Risiken, wenn die Technik in die falschen Hände gelangt: “Die Wissenschaft entwickelt sich da gerade rasant. Es werden Gen-Therapien erforscht, mit denen krankes Gewebe im menschlichen Körper geheilt werden soll, etwa bei der Muskeldystrophie Duchenne.” Dabei ist Vorsicht geboten, denn: “Bevor man damit viele Patienten behandeln kann, muss in langen und aufwendigen medizinischen Studien gezeigt werden, dass diese Therapie vor allem sicher, aber auch wirksam ist. Wenn man in einer Zelle ein Gen verändert, aber unabsichtlich auch ein anderes Gen – dann entsteht aus dieser Zelle vielleicht von sich aus ein Tumor. Das muss man verhindern.”

Auch die Umsetzung ist besonders schwierig und wird der Wissenschaft noch einige Jahre Kopfzerbrechen bereiten: “Um die Gen-Schere in den Körper und die richtige Zelle zu bringen, kann man die nicht einfach schlucken. Das würde nichts bringen. Also braucht man so genannte Gen-Fähren, dafür nimmt man spezielle Viren oder Nano-Partikel. Der Körper kann auf diese Viren überreagieren. Die zweite Herausforderung ist, wie bekomme ich die Gen-Schere an den richtigen Wirk-Ort. Also zum Beispiel in die Leber, wenn sie dort wirken soll – und nicht ins Gehirn, wenn sie dort vielleicht Schaden anrichten kann.”

Und auch wenn Mediziner und Medizinerinnen es schaffen, mit sogenannten Gen-Therapien bestimmte Krankheiten zu verhindern und unser Leben langfristig zu verbessern, welche sozialen Folgen kann diese Entwicklung dann haben? Wird es eine Klassengesellschaft geben, in der sich einige wenige diese übermenschliche Gesundheit leisten können und andere nicht? Welcher politische und gesellschaftliche Druck wird entstehen, sich genetisch oder physisch verändern zu lassen, um in der Leistungsgesellschaft bestehen zu können? Und wer wird im globalen Vergleich noch weiter abgehängt? Kurz:

Ist Biohacking überhaupt moralisch vertretbar?

In diesem Spannungsfeld bewegt sich der neue Science-Thriller Biohackers aus dem Hause Netflix, der passenderweise auch die erste Serie ist, die je auf DNA gespeichert wurde.

Die Serie um die junge Medizinstudentin Mia, die sich an der Uni Freiburg in die Biohacker-Szene begibt, stellt die Fragen danach, wie weit man für die Wissenschaft gehen darf, welche Konsequenzen es hat, wenn zukunftsweisende Technologien, wie etwa die synthetische Biologie in die falschen Hände geraten.

Dabei geht es längst nicht nur um Mitbewohner Ole und seine Selbst-OP, nein. Biohackers verhandelt die großen moralischen Fragen und erzählt auch eine Geschichte von Freundschaft, Liebe und Vergeltung. Denn schnell wird klar, dass Mias Interesse an der revolutionären Biohacking-Technologie nicht nur wissenschaftliche Gründe hat: Sie will das Vertrauen von Star-Dozentin Prof. Dr. Tanja Lorenz gewinnen, mit der sie ein dunkles Geheimnis verbindet. Um den Tod ihres Bruders aufzuklären, begibt sich Mia in eine gefährliche Welt voller illegaler Gen-Experimente. Als sie den schlauen Biologiestudenten Jasper und seinen geheimnisvollen Mitbewohner Niklas kennenlernt, muss sie sich entscheiden: Will sie ihren Gefühlen oder ihren Prinzipien treu bleiben, will sie Rache für ihre Familie oder ihre neuen Freunde schützen? Wie weit will sie gehen?

Bodyhacking / Biohacking: Was nach der Verschmelzung von Mensch und Maschine und irgendwie nach Science Fiction klingt, ist schon längst nicht mehr so fiktional wie wir denken. Wie wollen wir mit der neuen Technologie umgehen? Wie wollen wir sie regulieren? Dürfen wir sie nutzen? Antworten und Unterhaltung gibt es in der neuen Serie Biohackers auf Netflix.

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